Herkunft und Struktur des Veda

Von Eberhard C. Friedrich

Jahrtausende lang bewahrte Indien einen Schatz, der von der UNESCO als „Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ geehrt wurde. Doch eine Sicht als Museumsstück, als voluminöses Werk naiv-frömmelnder Kultur, ist zu hochmütig, um die im Veda verborgene höchste Weisheit zu erkennen.

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Rishi Valmiki, „Autor“ des Ramayana
Zwischen Tradition und westlicher Interpretation

Die Veden wurden in Indien über Jahrtausende in mündlicher Form überliefert. In den Brahmanenfamilien wurde dieses komprimierte und umfassende Wissen in Form von strikt festgelegten Versen – zuerst in Vedischer Sprache, später im daraus entstandenen Sanskrit – jeweils vom Vater an den Sohn übergeben. Seinen eigenen Ursprung sieht der Veda darin, dass erleuchtete Seher (Rishis) die Verse in der Tiefe ihres Bewusstseins „hörten“.

Heute werden Brahmanen als hinduistische Priesterkaste betrachtet; in der ursprünglichen Vedischen Tradition waren sie aber wohl ganz allgemein „Hüter des Wissens“. Der vornehmlich religiöse Charakter der Vedischen Kultur entstand erst in den letzten Jahrhunderten unter dem Einfluss und durch die Interpretation der westlichen Zivilisation. So ist auch der Begriff „Hinduismus“ eine Erfindung der britischen Besatzungsmacht, die damit eine „Schublade“ für den Großteil der Bevölkerung schuf, der keiner der anderen Weltreligionen angehörte. Obwohl der Hinduismus nach wie vor keine institutionalisierte Religion ist, drückte dieses Konstrukt der traditionellen Vedischen Kultur einen nachhaltigen Stempel auf.

Diese Prägung trug sicher auch zu einer einseitigen Sichtweise des Veda durch die westliche Wissenschaft bei. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts vornehmlich deutsche Linguisten und Religionswissenschaftler damit begannen, die Vedischen Schriften zu studieren und zu analysieren, sahen sie darin liturgische Gesänge mit mythologischen und religiösen Inhalten.

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Indisches Weltkulturerbe: Tempel in Pattadakale
Auch in seinem Heimatland droht der Veda zu einem Mummenschanz zu verkommen, den man hauptsächlich als frömmelnde Dekoration diverser Festlichkeiten braucht. Zwar verzeichnen hinduistische Organisationen, allen voran die zeitweilige Regierungspartei BJP, in letzter Zeit einen wachsenden Zuspruch, allerdings handelt es sich dabei weniger um eine Wiederentdeckung der Vedischen Wurzeln, als um einen religiös verbrämten Nationalismus. Doch es gibt auch Ausnahmen wie Maharishi Vidya Mandir, eine Organisation die in über hundert indischen Städten Schulen und Universitäten betreibt, welche neben der allgemeinen und fachlichen Ausbildung das traditionelle Vedische Wissen lehren.

Gerade außerhalb Indiens gibt es immer mehr Menschen und Gruppen, die eine Renaissance des Veda voran treiben. Es gibt wohl kaum mehr einen Winkel auf der Erde, an dem nicht der eine oder andere Aspekt Vedischen Wissens studiert oder angewandt wird – sei es in Ayurveda-Kliniken, Yogagruppen oder Meditationskursen.

Der Veda als Bauplan der Schöpfung

Was macht überhaupt die Faszination des Veda aus? Was bringt weltweit Millionen Menschen dazu, sich mit dem Wissen einer fast schon untergegangenen Kultur zu beschäftigen oder deren Technologien zu nutzen? Birgt der Veda irgendein großes Geheimnis?

Nein, es gibt kein Geheimnis. Es ist eher eine Wiederentdeckung. Wenn wir den Veda hören, lauschen wir in uns selbst hinein. Es ist eine Erinnerung. Wir treten wieder mit uns selbst in Kontakt. Und es ist alles andere, als etwas Neues – denn was wir erfahren, war schon immer da. Esoterik also? Unendlich viel mehr. Es geht um die Realität schlechthin – unserer wirkliche Realität: wir SIND der Veda. Nicht ein paar Bücher mit frommen Sprüchen und archaischen wissenschaftlichen Lehrsystemen. Der Veda ist weit mehr, er ist der Bauplan der Schöpfung.

Rig Veda - Agnim aghnimīḷe purohitaṃ yajñasya devaṃ ṛtvījam
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"Agnim ile purohitam yagyasya devam ritvijam hotaram ratna dhatamam" (RV 1.1.1), der erste Vers des Veda und somit dessen „Ursprung“.
Der Nutzen und die Universalität des Veda erschließen sich nicht allein aus dem Studium und der Analyse seiner Schriften. Diese Ebene intellektuellen Verstehens stellt lediglich die Oberfläche dar. Wir leben in einer Zeit der Materie und der Objekte. In Wissenschaft, Gesellschaft und Politik gilt Objektivität als das Maß aller Dinge, ja als ein Gradmesser der Wahrheit. Unser Wahrnehmen und Erleben wird in ein mathematisches Koordinatensystem gezwängt und unser Leben verkümmert und verarmt dabei immer mehr. Das Stillen unserer Begierde nach Objekten und objektiver Wahrheit ist wie ein Kampf gegen Windmühlen und nichts kann uns davor befreien, als die Befreiung vor den Objekten an sich. Und genau hier kommt der Veda ins Spiel, denn seine „objektive Oberfläche“ birgt einen Schlüssel, mit dem wir unser aus Objekten gebautes Gefängnis verlassen können.

Kosmische Koordinaten: Rishi, Devata und Chandas

Der Rig-Veda gilt als das grundlegende und zentrale Werk der Vedischen Literatur. Jedem seiner Verse sind drei Angaben voran gestellt: Rishi, Devata und Chandas. Vordergründig betrachtet ordnen sie dem Vers einen Vedischen Seher (Rishi), eine Vedische Gottheit (Devata) und ein Metrum oder Versmaß (Chandas) zu. Wir wollen uns hier nicht mit Göttern beschäftigen, denn auch wenn die Vedische Literatur voll ist mit einer schier unendlichen Palette davon, sind diese letztlich doch nur Sinnbilder für bestimmte Funktionen.

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Diese drei Parameter – Rishi, Devata und Chandas – können aber auch abstrakter, als eine Art Schlüssel betrachtet werden: sie bilden so etwas wie ein „kosmisches Koordinatensystem“. Wenn wir uns näher mit dieser Dreiheit beschäftigen, stellen wir fest, das sich ihr Prinzip fast überall in der Welt finden lässt, es durchzieht alle Aspekte und Ebenen der Schöpfung.

Was genau hat es nun mit dieser Dreiheit auf sich und warum durchzieht sie alle Schöpfungsebenen? Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: diese Dreiheit IST die Schöpfung. Die Schöpfung geht aus einem unbegrenzten und unmanifesten Zustand hervor, aus einem „kreativen Nichts“, der stillen, unendlichen Potentialität, dem reinen Bewusstsein. Schöpfung entsteht, wenn sich dieses reine Bewusstsein seiner selbst bewusst wird. So vollzieht sich aus dem unterschiedslosen Einssein heraus eine Aufspaltung in einen Betrachter, einen Prozess des Betrachtens und ein Objekt der Betrachtung – Rishi, Devata und Chandas.

Chandas und Veda Lila: ein meisterhaftes Versteckspiel

Bereits an diesem ersten „Atemzug“ lässt sich erkennen, dass die Schöpfung auf einer Illusion beruht, dem Trugbild einer Vielheit. In Wahrheit existiert nur Einheit. Da sich die gesamte Schöpfung aus dieser „Ur-Dreiheit“ in Kaskaden von immer neuen Dreiheiten erhebt, wird klar, warum sich dieses Prinzip überall in der Schöpfung finden lässt.

Rig-Veda Rishi Devata Chandas
Übersetzung Seher Gottheit Versmaß
Schöpfung Stille Klang Form
Abstrakt Subjekt („Wer?“) Funktion („Wie?“) Objekt („Was?“)
Wahrnehmung Betrachter Betrachten Betrachtetes
Kosmologie Atma (Selbst) Veda (Wissen) Vishwa (Welt)
Haupt-“Gottheit“ Shiva (Transzendenz) Brahma (Erschaffen) Vishnu (Bewahren)
Mensch Bewusstsein DNS / Geist Körper
Ayurveda-Doshas Vata Pitta Kapha
Gunas Sattwa Rajas Tamas
Der Ausweg aus der Illusion ist die Umkehr des Schöfungsprozesses durch die Verfeinerung des Hörens. Dieses Prinzip des Transzendierens findet man auch in der Vedischen Technik der Meditation.
Umkehr
(= Transzendieren)
Purana (Ewigkeit)
Smriti (Erinnerung)
Shruti (Hören)
Resultat
und Ursprung
  Samhita 
(kosmische Einheit)

Wenn das so ist, weshalb durchschauen wir weder diese Dreiheit noch die damit verbundene Illusion? Hier kommt wieder der Veda zum Zug, denn er erklärt uns, dass Chandas eine verschleiernde Wirkung hat. Diese Maskerade ist Teil von „Veda Lila“, dem Spiel des Lebens. Dessen Spielverlauf lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Atma, das kosmische Selbst, erschafft aus sich selbst heraus den Veda als eine Art Spielplan, woraus wiederum die uns bekannte körperhafte Welt entsteht. Als Höhepunkt des Spiels durchschaut die menschliche Spielfigur den ganzen Schwindel und wird sich ihres Ursprungs im Veda und letztlich ihrer Identität mit dem Urschöpfer wieder bewusst.

Dieser Zustand, den man auch als Erleuchtung oder Brahmi Chetana bezeichnen könnte, befreit das Individuum in einem Ausmaß, das es sich zuvor kaum vorzustellen vermag. Entgegen weit verbreiteter Ansichten über Erleuchtung verändert diese nicht vorrangig die uns umgebende Welt der Objekte, sondern sie ersetzt das individuelle Ich durch das kosmische Ich. Genau genommen passiert bei der Erleuchtung gar nichts, denn in Wahrheit gab und gibt es nie etwas anderes, als das was wir schon immer waren und immer sein werden.


Siehe auch:


Themenportal Ayurveda: Das uralte Vedische GesundheitssystemThemenportal Meditation: Der Vedische Weg zur ErleuchtungThemenportal Vastu: Die Vedische Architektur Sthapatya-VedaThemenportal Jyotish: Die Vedische Astrologie
oder
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Sanskrit

Altindische Sprache, in der die klassischen Vedischen Schriften verfasst sind. *)

 

 

Rishi

Vedischer Seher. Die Vedische Literatur sieht ihren eignen Ursprung nicht in empirischer Wissensgewinnung, sondern in der inneren Schau erleuchteter Weiser (Rishis).

 

 

Rig-Veda

Einer der vier Haupt-Veden. (Auch "Rik-Veda" oder "Rigved").

 

 

Rishi

Vedischer Seher. Die Vedische Literatur sieht ihren eignen Ursprung nicht in empirischer Wissensgewinnung, sondern in der inneren Schau erleuchteter Weiser (Rishis).

 

 

Rig-Veda

Einer der vier Haupt-Veden. (Auch "Rik-Veda" oder "Rigved").

 

 

Brahman

Kosmische Weltseele in den Upanishaden und in der Vedanta-Philosophie. *) Der individuelle Aspekt der Weltseele wird als Atma bezeichnet.

 

 

Puranas

"Ewigkeit", Vedische Schriftensammlung.

 

 

Gandharva-Veda

Gandharva-Veda ist die klassische Musik der Vedischen Hochkultur. Sie ist die ewige Musik der Natur, deren Rhythmen sie widerspiegelt.

 


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