Erinnern kann auch zu Vergessen führen

Weniger relevante Gedächtnisinhalte werden durch häufiger abgerufene Inhalte verdrängt

Foto: pixelio.de - © BlueStorm
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Wie war doch gleich meine alte Telefonnummer?
Magdeburg - Vergessen kann - so paradox das erscheinen mag - durch aktives Erinnern verursacht werden. Erinnern wir beispielsweise unsere derzeitige Telefonnummer, wird gleichzeitig unsere alte Telefonnummer weniger abrufbar. Forscher der Universitäten Magdeburg und Regensburg konnten nun anhand der Hirnaktivität von Probanden zeigen, dass Hemmungsprozesse bei der Entstehung dieses Vergessen eine maßgebliche Rolle spielen. Die Studie wurde in der aktuellen Ausgabe des "Journal of Neuroscience" veröffentlicht.

Im Gegensatz zur nach wie vor umstrittenen Freudschen Verdrängung von Gedächtnisinhalten ist diese Art der Hemmung ein normaler Mechanismus, der uns vermutlich Tag für Tag dabei hilft, unser Gedächtnis effizient nutzen zu können. Bei jedem Versuch, Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abzurufen, werden demnach die abgerufenen Inhalte (wie die neue Telefonnummer) gestärkt, gleichzeitig aber auch verwandte, potentiell störende Gedächtnisinhalte (wie die alte Telefonnummer) geschwächt und dadurch Gegenstand verstärkten Vergessens. Dieses so genannte abrufinduzierte Vergessen ist in höchstem Maße adaptiv, da so Interferenz (d.h. Störung durch momentan irrelevante Erinnerungen) reduziert wird. Es ist jedoch nach wie vor umstritten, ob abrufinduziertes Vergessen entsteht, weil die störenden Inhalte beim Abruf durch Hemmung (Inhibition) langfristig geschwächt werden oder ob vielmehr die Stärkung der abgerufenen Inhalte den Zugriff auf verwandte Erinnerungen kurzfristig blockiert.

Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Universitätsklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und dem Institut für Experimentelle Psychologie der Universität Regensburg konnten kognitive Neurowissenschaftler nun zeigen, dass es sich bei dieser Art von Vergessen tatsächlich um eine langfristige Schwächung von Erinnerungen durch Inhibition handelt. In ihrer Studie wurden 23 Probanden gebeten, bestimmte zuvor gelernte Gedächtnisinhalte aktiv abzurufen. Tatsächlich zeigte sich, dass im Anschluss verwandte (d.h. potentiell störende) Gedächtnisinhalte schlechter erinnert bzw. eher vergessen wurden als unverwandte (d.h. potentiell nicht störende).

Dabei konnten Dr. Maria Wimber, Dr. Alan Richardson-Klavehn (Forschungsgruppe "Gedächtnis und Bewusstsein" bzw. "Memory and Consciousness Group") und ihre Kolleginnen und Kollegen feststellen, dass am Abruf dieser schlecht erinnerten Inhalte insbesondere solche Hirnregionen beteiligt sind, die für die Reaktivierung schwacher Gedächtnisrepräsentationen zuständig sind. Je mehr abrufinduziertes Vergessen ein Proband zeigte, desto höher die Aktivität in besagten Regionen des Stirn- und Schläfenlappens. Dagegen konnte in Hirnregionen, die bei der kurzfristigen Blockierung von Gedächtnisinhalten eine Rolle spielen sollten, kein vergleichbares Muster gefunden werden.

Diese neurowissenschaftlichen Befunde liefern starke Evidenz für die lange umstrittene Existenz von hemmenden Mechanismen im menschlichen Langzeitgedächtnis. Solche Mechanismen machen unser Gedächtnis effizienter, indem sie dabei helfen, aus der riesigen Menge an gespeicherten Informationen im Gedächtnis zu einem gegebenen Zeitpunkt die gewünschte Information abrufbar zu machen.

Quelle: Informationsdienst Wissenschaft (idw)


Dieser Artikel wurde am 19.12.2008 im Vedamagazin veröffentlicht.
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