Organspende mit seelischen und emotionalen Nebenwirkungen

Dr. Vera Kalitzkus trägt mit Untersuchung zu differenzierterer Betrachtungsweise bei

Papst Benedikt XVI. hat sich öffentlich zur Organspende bekannt, in Deutschland sind es schätzungsweise 17% der Bevölkerung, die das in Form eines Organspendeausweises ebenfalls tun. Leider sind das aus medizinischer Perspektive immer noch viel zu wenig, um den 12.000 Menschen zu helfen, die in Deutschland dringend auf ein Organ warten.

Woran liegt es aber, dass nur rund 1/5 der Bevölkerung dieser medizinischen Gebotenheit auch entsprechende Taten folgen lässt? Dieser Frage ist die Ethnologin Dr. Vera Kalitzkus in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt nachgegangen. Die interessanten Ergebnisse liegen jetzt in dem Buch "Dein Tod, mein Leben" erstmals auch einer breiteren Öffentlichkeit vor. Ihre Untersuchung macht deutlich, dass es gegenüber der medizinischen Rationalität und Plausibilität deutliche psychologische und emotionale Vorbehalte gibt: "Die Transplantationsmedizin trennt strikt und eindeutig den Körper von der Seele. Das entspricht aber nicht den Gefühlen der Menschen, die ich für meine Studie befragt habe. Die meisten Menschen empfinden da eine Durchdringung, einen Zusammenhang." Die naturwissenschaftlich-rationale Sichtweise sehe kein Problem darin, ein Herz in einen anderen Körper zu verpflanzen, für den Empfänger könne das aber ganz anders aussehen: "Einige Organempfänger verspüren eine Verantwortung für den Spender, der quasi in ihnen weiter lebt. Andere, wenn auch wenige, berichten gar davon, sich durch das Transplantat in ihrem Wesen verändert zu fühlen." Dass man sein Leben dem Tod eines anderen Menschen zu verdanken hat, ist auch nicht einfach zu verkraften. Für die Empfänger steht deshalb auch psychologische Betreuung nach der Verpflanzung zur Verfügung.

Die Empfänger haben keine einfache Entscheidung zu treffen, schildert Kalitzkus. Meist sind sie unheilbar krank und wissen, dass sie ohne Transplantation sterben müssen. Der Ausgang einer Transplantation aber ist trotz medizinischen Fortschritts zunächst ungewiss. Die Angehörigen potentieller Organspender sehen sich ebenfalls in einer belasteten Situation. "Bisher sind die Angehörigen aber nur wenig befragt worden und sie betrifft eine Entscheidung zur Organspende in ganz besonderem Maße." Denn sie werden oft auch noch überraschend mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert: Der Zustand eines Patienten verschlechtert sich dramatisch oder ein Unfall ereignet sich, aber der Patient hat keinen Organspendeausweis. In diesem Fall müssen die Angehörigen - meist noch selber unter Schock - entscheiden, ob es der Wille des Patienten ist, seine Organe zu spenden. "Das ist eine schwere Entscheidung, denn ein Hirntoter sieht nicht tot aus. Für die meisten Menschen ist Tod mit einem Leichnam verbunden, der nicht mehr atmet und bereits erkaltet ist. Das Bild eines Körpers, in dem noch Leben ist, überlagert das Wissen um die Diagnose Hirntod, die nur über den Verstand nachzuvollziehen ist. Da können nach der Zustimmung oft Probleme und Zweifel bei den Hinterbliebenen auftauchen", beschreibt Kalitzkus ihre Forschungsergebnisse.

Hinzu komme, dass nach der Zustimmung sehr schnell das medizinische Programm ablaufen müsse, um die Organe zu erhalten, den Angehörigen deshalb wenig Zeit und Ruhe zum Abschiednehmen bleibt. "Ich habe großen Respekt davor, wenn Angehörige im vollen Bewusstsein der Konsequenzen einer Organentnahme zustimmen, denn sie haben dann keine Zeit mehr, am Bett des Patienten zu sitzen und die Tatsache, dass er nun tot ist, langsam zu akzeptieren. Sie müssen zu Hause auf das Ende der OP warten. Später kann das Gefühl entstehen, sie hätten sich doch schützend vor den Toten stellen sollen. Und das kann für ihr weiteres Leben zu einer schweren Bürde werden."

Am 4. Oktober wird in Berlin - und erstmals in Deutschland - der Welttag der Organspende mit einem großen Aufgebot an Prominenz stattfinden. Für Vera Kalitzkus ist es heute nach Verfassen der Studie nicht mehr ganz so einfach, solche Aktionen uneingeschränkt zu befürworten, denn eine Auseinandersetzung mit den schwierigen, belastenden und ethisch komplexen Fragen im Zusammenhang mit Organtransplantation findet dabei selten statt. Eine solche Aufklärung ist aber notwendig, um für sich und seine Angehörige eine informierte Entscheidung treffen können. Das geht nicht ohne die Auseinandersetzung mit Tod, Sterben und auch der eigenen Endlichkeit. Doch diese wird meistens gescheut. Das Buch will in verständlicher Sprache Informationen über Organspende und Transplantation vermitteln, die notwendig sind, um zu einer eigenen Entscheidung zu kommen. Es ist ein Plädoyer gegen einen moralischen Druck zur Organspende und eröffnet Sichtweisen, die in der aktuellen Diskussion nicht genügend Beachtung finden.

Quelle: Universität Witten/Herdecke


Dieser Artikel wurde am 30.09.2009 im Vedamagazin veröffentlicht.
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