Ost oder West

Von Wolfgang Bödefeld

Menschsein als Anteil an Gott – oder eigene Existenz als ‚Person’?

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Realitätsebenen und Ost-West-Integration
Was ist der Status unseres Menschseins? Ost und West, zwei Alternativen: Haben wir als ‚Ich’ Anteil an einem Göttlichen ICH? Oder sind wir als ‚Person’ begabt mit eigener, von Gott getrennter Existenz und eigenem Ich? Das ist der wahre Unterschied der Religionen von Ost oder West.1) Es ist ein vollkommen anderes Leben, sich als Anteilnahme an Gott wissen, der „Göttliche Funke“ in uns – und dies in einer Welt, die in ihrem verborgenen Kern eine letztendlich Göttliche Sinnhaftigkeit darstellt. Oder eigene Existenz und Ich als Person – in einer Welt einzelner, von Gott getrennter Wesen. Der entscheidende Unterschied von Ost und West ist also die Frage: Wer sind wir als ‚Ich’?

Wer ist ‚Ich’?

Es ist unsere erste spontane Erfahrung, dass wir als ‚Person’ Ich sind, das ist für uns das Natürlichste in der Welt. Das ist auch das Verständnis der konventionellen Philosophie und der Konfessionen. Wenn wir jedoch in der Selbstbeobachtung unseren Blick auf Ich und Person richten, so können wir innerhalb dieser Person keinen Bereich finden, als der wir dies ‚Ich’ sind. Das Wissen „Ich“ ist einfach nur da, aber als ‚Person’ sind wir nicht dies Ich. Und die Religionen des Ostens betrachten in der Meditation diese Erfahrung genauer, und sehen: Unser Ich gelangt zwar zu Bewusstsein innerhalb unserer ‚Person’, aber als ‚Person’ sind wir nicht dies Ich.

Diese Realisierung, als nichts in der Welt das Ich zu sein, ist für viele Buddhisten dann der Anlass, sich von allem der Welt anhaftenden Leid befreit zu finden. Andere Traditionen gehen einen Schritt weiter und sehen: Es ist unser ‚Ich’ die Anteilnahme an einem Göttlichen ICH – ICH bin der „Ich-bin“.

Im Westen halten wir unser Selbstverständnis, als Person das Ich zu sein, spontan und unreflektiert so für die Realität. Und aufgrund dieses Weltverständnisses organisieren wir unsere Lebenszusammenhänge und das Funktionieren der Gesellschaft. Aber was ist, wenn dies doch nur eines von mehreren ‚Weltbildern’ ist und statt dessen das Weltbild des Ostens der Wirklichkeit entspricht? Wäre es da nicht wert, das eigene Selbstverständnis auch einmal in Frage zu stellen und eine andere Sicht zur Kenntnis nehmen?

Die ‚Religionen des Ostens’, dies sind Hinduismus, Buddhismus, Sufismus, und auch das esoterische Christentum. Es muss jedoch gesagt werden, dass unser westliches Menschenbild als Lebenspraxis sich auch im ‚Osten’ ausgebreitet hat, und die originäre Philosophie meist nur noch in den (heiligen) Schriften und philosophischen Traditionen lebendig ist. Dies Weltbild wollen wir zusammenfassen als ‚religiösen Spiritualismus’ und sehen, was es bedeuten würde, wenn dies mehr Geltung erlangen würde. Und es soll sichtbar werden, welche Konsequenzen sich aus dem ‚westlichen’ Menschenbild für die globale Entwicklung ergeben:

Welt- und Menschenbild des religiösen Spiritualismus

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Michelangelo: „Die Erschaffung Adams“ (Sixtina)
Es kann das Entstehen von ‚Welt’ gesehen werden – weniger als ein „Erschaffen aus dem Nichts“, sondern eher als ein Großes Göttliches Erkennen, in dem der Unoffenbare GOTT Sich Selber zu Gegen-Stand setzt als ‚Welt’. ER ist der Erkenner und das Erkannte, der Liebende und das Geliebte, Schöpfer und Geschaffenes, Gott und Welt.

Der Unoffenbare GOTT hat dabei nicht als ICH Sich zu Gegen-Stand, sondern als der materielle Kosmos. Sein Erkennen Seiner Selbst ist so dort noch unvollendet. Aber Er als Kosmos ist auf dem Weg der Evolution, um dort ein Erkennen Seiner Selbst zu ermöglichen. Dies ist erreicht als unser Menschsein, an dem Ort unserer ‚Person’, in unserem Wissen „Ich“. Dort gelingt es, dass ER Sich als Ich zu Gegen-Stand hat. Wir sind als Ich Bewusst-Sein des Göttlichen ICH, Ebenbild Gottes. Dies bedeutet für uns:

Der Kosmos ist auf dem Weg der Evolution, um IHM dort ein Erkennen Seiner Selbst zu ermöglichen. Die Natur und alles Sein ist auf dem Weg der Evolution, um dies zu erreichen. Das ist das Wesen der Natur, sich aufzubauen und zu offenbaren als das Ereignen eines Göttlichen. Erreicht ist dies als unser Ich, Erkennen und gesamtes Sein.

In unserem Ich haben wir Anteil an Seinem ICH und sind die Weiterführung Seines Erkennens- und Schöpfungswerks von innerhalb der Welt her. Unsere Anteilnahme an dem ICH und unser Streben nach Schönheit, Göttlichkeit, Kreativität, das ist das Herz, das ursprüngliche Wesen unseres Menschseins. Dies ist die zunächst noch unerkannte Geburt des Göttlichen in uns. Dabei ist unsere ‚Person’ der wunderbare Ort, an dem der gesamte verborgene Reichtum des Kosmos und der göttlich-geistigen Welt zu Bewusst-Sein gelangt – und so auch das Göttliche ICH. Aber die Person ‚ist’ nicht das Ich, sondern der Ort, an dem das Göttliche zu Bewusst-Sein gelangt. Und aus dem reinen Ich her können wir unsere eigene ‚Person’ als ein Kunstwerk mit-gestalten.

An dem Ort unserer Person gelangt das Göttliche ICH zu Bewusst-Sein als unser Ich – dadurch geschieht es, dass es zu einer Identifikation der ‚Person’ mit dem Ich kommt. Das ist jedoch ein Irrtum, unser Ego. Es ist das Göttliche ICH, das in uns aufleuchtet. So finden wir zwei Seiten unseres Wesens: Unsere in der Evolution voranschreitende Natur und darin das „Ich“ als Bewusst-Sein des ICH. Und ebenso geschieht in uns eine irrige Identifikation unserer ‚Person’ mit dem Ich, unser Ego.

Beide sind in unserem Wesen vereint: Unsere Anteilnahme an Gott und unsere irrige Identifikation. Hieraus ergeben sich drei Aufgabenbereiche als ‚Weg’: 1. Aus unserem reinen ‚Ich’ einen Abstand gewinnen zu unserer irrigen Identifikation als Ego; 2. unser Ich als Anteilnahme an dem Göttlichen realisieren; 3. aus dem Ich her unserer ursprünglichen Natur Geltung ermöglichen; und wenn diese nicht mehr von unserem Ego geleitet ist, dann sucht sie das Göttliche zu einem Ereignen in der Welt zu bringen – in unserer Kreativität, Erkennen und Liebe. Eine andere Welt wird möglich.

Für gewöhnlich realisieren wir jedoch nicht die wahre Identität unseres Ich, sondern sind gefangen in der irrigen Ich-Identifikation als Person, unser Ego. Und aus Sicht des religiösen Spiritualismus wird in Zeiten der Globalisierung dies Menschenbild sich ausbreiten zu einem globalen kollektiven Egoismus:

Vom Ich zum Ego und kollektiven Egoismus

Das Göttliche ICH und dessen All-Zentralität, Freiheit, Kreativität gelangen zu Bewusst-Sein an dem Ort unserer ‚Person’, als unser ‚Ich’. Als Person wollen wir deshalb dies Ich sein und all das zu Eigen haben, was in dem reinen Ich zu Bewusst-Sein gelangt: Grösse, Freiheit, Erkenntnis, Kreativität, Unsterblichkeit, Alles. Das ist der verborgene aber innigste Wunsch der Person, unseres Ego.

Es ist das Göttliche ICH absolut, und dessen Aufleuchten als unser „Ich“ ist in sich ebenfalls absolut. Insoweit also die ‚Person’ mit dem Ich sich identifiziert, insoweit ist auch ihre innere Sehnsucht absolut. Man kann sie verdrängen oder projizieren auf Staat, Religion, etc, oder im Minderwertigkeitskomplex versinken, aber ausradieren kann man die Sehnsucht des Ego nicht; in irgendeiner Weise, körperlich, seelisch, geistig sucht sie Grösse und Zentralität.

Insoweit wir allein der Tendenz unseres Ego Geltung erlauben, wird der Irrtum zum Irrsinn, das Ego versucht, sein Verlangen nach Zentralität mit allen Mitteln zur Geltung zu bringen. Zum globalisierten Irrsinn wird dies, wenn das Verlangen nach Grösse mit Anderen sich verbündet zum ‚kollektiven Egoismus’. Das sind die Tendenzen, die weitgehend globale Geltung erlangt haben. Die Tempel von Produktion und Konsumption sind die Orte eines globalen Tanzes um das goldene Kalb. Ein anderes Menschsein darf demgegenüber keine wirklich relevante Geltung haben. Unter dem Vorwand von Demokratie und Freiheit wird weltweit tatsächlich die Diktatur des kollektiven Egoismus betrieben.

Diese Entwicklung ist letztlich die Konsequenz eines Weltbilds, das der ‚Person’ das Ich zueignet – und so die Person all jene Bedeutung haben will, die dem reinen Ich zu eigen ist. Dabei ist nicht das Ich das Problem, auch nicht unsere Person oder die irrige Identifikation unserer Person mit dem Ich. Sondern das Problem ist, dass die irrige Identifikation nicht erkannt wird und so kein Abstand dazu genommen und keine Hinwendung zu unserer Anteilnahme an dem Göttlichen. Kein Weg aus dem Dunkel in das Licht der Realisierung. Demgegenüber gälte es: unser reines Wissens ‚Ich’ zu realisieren als unser Selbst und als Anteilnahme an dem Göttlichen ICH – und aus der Sicht des Göttlichen her die Welt zu gestalten als ein Ereignen von Liebe, Harmonie und Schönheit.

Dies ist die Perspektive des religiösen Spiritualismus und es stellt sich die Frage: Können denn nicht aus den christlichen Konfessionen Impulse zu einer anderen Entwicklung kommen, auch wenn dort die ‚Person’ als Ich residiert? Es sind doch Nächstenliebe und soziale Ethik großartig realisiert! Das ist richtig, und das wird andere Wege öffnen. Aber es bleibt das Menschenbild, das der Person das Ich zueignet; die Ursache des Übels bleibt: Die Person in ihrer irrigen Ich-Identifikation sucht Zentralität für sich als Person, dieser Drang bleibt unangefochten und wird immer versuchen, sein Verlangen nach Herrschaft in irgendeiner Weise zu manifestieren. Zweitausend Jahre Geschichte sind davon Zeugnis. Das Gleiche gilt, wenn derzeit versucht wird, durch reine Vernunft die globalen Probleme zu lösen. Das ist hilfreich, aber der Problem-Faktor, das Ego bleibt unangefochten.

Weltbild des ‚Westens’ – der ‚christlichen Konfessionen’

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Tizian: „Bacchus und Ariadne“ (Italien 1522-1523)
Wir sehen aus der Sicht des ‚Ostens’ die Entwicklung, wenn die irrige Identifikation unserer ‚Person’ mit dem Ich alleinig die Richtung bestimmt. Was ist demgegenüber das Weltbild des ‚Westens’, das Dogma der ‚christlichen Konfessionen’?

In deren Weltbild hat Gott die Welt erschaffen – gemacht – als das Andere als Er selbst; Er hat der Schöpfung eine eigene Existenz geschenkt, und unserem Menschsein, der ‚Person’, ein eigenes Ich und eigene Freiheit. Der Mensch war so geschaffen in „Gottähnlichkeit“, als „Ebenbild Gottes“.

In seiner potentiellen Freiheit ist der Mensch jedoch ‚gefallen’. Er hat nicht mehr Gott als sein Zentrum, sondern durch sein ‚Erkennen’ wollte er den Grund seiner selbst in sich selber haben, „werden wie Gott“. Er ist damit gefallen in die dem Menschsein eigene Ego-Zentrik, in „Gott-Unähnlichkeit“. Und als eigene Existenz – und nun gefallen in die Gottunähnlichkeit – ist Menschheit absolut erlösungsbedürftig.

Erlösung geschieht durch Jesus-Christus, dadurch, dass Er Gott und Mensch in eins ist, und wir so in Jesus, in seinem Menschsein, auch Anteil an Seinem Gott’sein haben. Erlösung dadurch, dass in Jesus Menschsein in völliger Freiheit das Menschenschicksal auf sich genommen hat, bis hin zu Leiden und Tod – und dieses Menschsein dann zu Auferstehung gebracht hat. Erlösung dadurch, dass in Jesus Menschsein den Fall in die Absonderung von Gott wieder rückgängig gemacht hat, wieder Ebenbild Gottes sein konnte – Ebenbild der Freiheit, Liebe und Kreativität Gottes.

In Jesus ist so die Erlösung unseres ‚Mensch’seins – potentiell aller Menschen; und aktual für diejenigen, die an Jesus glauben als den Sohn Gottes, und Ihm nachfolgen. Keine Leistung unsererseits kann dies bewirken, keine Meditationen etc., sondern Glaube und Liebe unsererseits – und die Gnade Gottes.

Die Konsequenz aus diesem Status ist: Als Person haben wir eigene Existenz, eigenes Ich und Freiheit – gleichzeitig sind wir behaftet mit dem Makel des Ego-Zentrismus. Als diese von Egoismus beeinflusste Person haben wir nun selber die Verantwortung für unser Verhalten – und die Konsequenzen. Es liegt in unserer eigenen Verantwortung, welchen Weg wir und die Welt gehen; entweder unser Heil suchen in Jesus, und einem Menschsein, so wie es von Gott gedacht war, oder den Weg gehen in einen kollektiven Egoismus. Insoweit die christlichen Konfessionen – gibt es eine Er-Gänzung von Ost und West?

Ost und West – eine Er-Gänzung?

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Shiva, der Zerstörer der Unwissenheit
(Statue am Gangesufer in Rishikesh, Indien)
Ost: Für unsere Anteilnahme an dem Göttlichen gilt: Wir erkennen eine irrige Identifikation der Person mit dem Ich, und realisieren demgegenüber unser reines Wissen „Ich“. Wir sehen, wie darin sämtliche Urbilder und Kategorien des Göttlichen gegeben sind – und realisieren unser Ich als Anteilnahme an einem Göttlichen ICH. Und wir sehen die Geschehen draußen als Evolution mit dem Ziel, die Welt als ein Ereignen eines Göttlichen zu offenbaren – und wie die Welt darauf wartet, dass auch wir unseren Beitrag einbringen.

Aber: Die Identifikation unserer Person mit dem Ich als Irrtum zu entlarven und uns als Anteilnahme an dem Göttlichen zu realisieren, dies ist bereits eine Stufe der Erleuchtung. Viele auf dem Weg erreichen dies nur zum Teil, und in dem Maß bleibt auch die irrige Ich-Identifikation der Person – unser Ego.

West: Wir halten unser Selbstbild als ‚Person’ für unser Ich – gleichzeitig sehen wir uns mit dem Makel des Egoismus behaftet. Und als solche vom Egoismus beeinflusste Person liegt es nun in unserer Verantwortung, welche Welt wir unseren Kindern übergeben. Aber gelingt uns diese Verantwortung für die ‚Bewahrung der Schöpfung’?

So geht der Ruf zu einer beiderseitigen Ergänzung: Dem Ost-Weg gilt es hinzuzufügen die Selbstverantwortung der ‚Person’. Und im Westen gilt es, den absoluten Ich-Anspruch der ‚Person’ in Frage zu stellen und auch auf die stille Sprache eines Transpersonalen (in uns) zu lauschen.

1.) Demgegenüber ist die Frage von Mono- oder Politheismus lediglich durch mangelnde Kenntnis der Philosophie des Ostens entstanden oder durch absichtliche Verkennung. Der Unoffenbare Eine GOTT als die eigentliche Wahrheit der manifesten Vielen, das ist reiner Monotheismus. Konfessionelles Christentum ist Dualismus.

Wolfgang BödefeldWolfgang Bödefeld

Der Autor studierte Philosophie, Indologie und Religionsphilosophie an den Universitäten Freiburg und Varanasi (Benares). Seit 1972 erforscht er Theorie und Praxis der Weltreligionen und ihrer Meditationen. Seine Schwerpunkte sind Vedische Philosophie, Sufismus, Anthroposophie und allgemeine Religionsphilosophie. Er veröffentlichte Aufsätze und Reihen in der NOVALIS-Zeitschrift.

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Weisheit des Augenblicks
Wenn jemand wirklich schlecht ist, dann belassen wir es dabei. Warum sollten wir das Schlechte freiwillig in unser Herz einpflanzen, indem wir schlecht über diese Person denken oder uns wegen seiner Schlechtigkeit aufregen? Man verdirbt damit sein eigenes Leben. - Maharishi Mahesh Yogi (1918 -2008)

 

Gandharva-Veda

Gandharva-Veda ist die klassische Musik der Vedischen Hochkultur. Sie ist die ewige Musik der Natur, deren Rhythmen sie widerspiegelt.

 


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