Nachhaltiges Wachstum braucht Vielfalt und Recht

Umweltexpertin von Weizsäcker: "Freikaufen von Problemen funktioniert nicht"

Wien (pte) - Die derzeit verbreitete Vorstellung eines Wachstums, das sich auf wirtschaftliche Prosperität beschränkt, ist stark vereinfachend und gleicht einer Massenhysterie. Nachhaltig wird Wachstum erst, wenn es Vielfalt, Dialog und Gerechtigkeit berücksichtigt. Das betont die deutsche Biologin und Umweltaktivistin Christine von Weizsäcker im pressetext-Interview anlässlich der Konferenz "Wachstum im Wandel".

Reines Wirtschaftswachstum zum Scheitern verurteilt

"Wenn wir an Wachstum denken, kommt uns Geld in den Sinn. Diese Vorstellung hat jedoch nichts mit der Wirklichkeit zu tun, weder in der Familie noch im Unternehmertum", so die Expertin. Auf der Strecke blieben dabei die Vielfalt, die unsere Realität bestimmt. "Unser Leben verläuft gewebeartig in verschiedenen Kontexten. Stimmig leben können Menschen nur in diesen jeweiligen Kontexten, die von der Spiritualität bis zu den Sanitäranlagen reichen", betont von Weizsäcker.

Es gibt keine Gesamtlösung für die drängenden Probleme der Erde. "Man kann nicht an einem einzigen Rädchen drehen und alles wird gut, sondern das Zusammenspiel vieler ist nötig." Dieser Blickwinkel erkläre das Scheitern der UN-Klimakonferenz im Dezember. "Ganz offensichtlich waren die in Kopenhagen Versammelten nicht diejenigen, die das Geschick der Welt bestimmen. Zudem hat man dabei versucht, mit Macht, Geld und großer medialer Verstärkung Probleme wegzuwischen, die in Wahrheit eine mühsame und langsame Kleinarbeit bedeuten. Dieses Freikaufen funktioniert jedoch nicht", so die Expertin.

Hohe Verantwortung bei Schwellenländern

Erst das Gelingen eines stimmigen Zusammentreffens der Vielfalt, auch mit ihren Gegensätzen, könne einen Wandel zur Nachhaltigkeit bewirken. "Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass unser reiches, hier sauber werdendes aber andernorts Lebenschancen vernichtendes Modell als Ziel der globalen Entwicklung gelten darf. Es ist durchaus möglich, dass alle auf dem Planeten genug haben und gleichzeitig sauber wirtschaften."

Für diese Entwicklung gesteht von Weizsäcker besonders den Schwellenländer eine wichtige Rolle zu. "Umwerfungen wird es dabei viele geben und gegenseitige Rücksicht und Dialog sind Gebot der Stunde. Der Dialog zwischen Süden und Norden steht jedoch bisher noch aus", so die Expertin.

Dialog braucht Recht

Eng mit diesem Dialog verbunden sei die gemeinsame Suche nach Gerechtigkeit. "Selbst in unseren Ländern, in denen Wohlstand und Rechtssicherheit herrscht, ist die Sehnsucht nach Recht enorm. Die Schaffung von Rechtssicherheit ist jedoch immer eine Voraussetzung und nicht erst Folge von Demokratie, lehrt uns ein Blick auf die Geschichte", so die deutsche Umweltaktivistin. Wirtschaftliche Armut eines Landes bedeute für dessen Bewohner in der Regel auch rechtliche Armut.

Ohne Gerechtigkeit hält von Weizsäcker ein positiver globaler Wandel nicht möglich. "Inselbewohner im Pazifik drohen durch den Klimawandel zu ertrinken und ein großer Teil der Menschheit hungert. Diese schreiende Ungerechtigkeit ist für diese Länder - und vielleicht für uns auch - wie ein Kloß im Hals, der das gemeinsame Gespräch erstickt."

Quelle: Pressetext


Dieser Artikel wurde am 30.01.2010 im Vedamagazin veröffentlicht.
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